Priska Hänggi - Die Stimme im Basler Tram
Journalismus

Die Stimme im Basler Tram

Eine Stimme, so vertraut, dass manch einer sie nicht einmal mehr wahrnimmt, wenn sie zu einem spricht. Eine Stimme, nicht launisch, stets freundlich und in ihren Aussagen wiederholend. Die Stimme, die im Tram und Bus über die Umsteigemöglichkeiten informiert und die Fahrgäste immer wieder bittet, von den Türen wegzutreten, ist nicht computergeneriert. Sie gehört Prisca Hänggi, einer professionellen Sprecherin aus Ettingen.

Im Gespräch klingt sie ganz und gar nicht nach «Bahnhof-SBB-SNCF-Swiss- and-French-Railwaystation», wie eine ihrer wohl bekanntesten Ansagen im Tram lautet, und auch immer wieder von Passagieren nachgeahmt wird. Die Baslerin ist eine regelrechte Sprachakrobatin, die beim Erzählen immer wieder unbeabsichtigt – so scheint es – in die Rolle hineinfällt, über die sie gerade spricht. So ahmt sie mal die Schäferhündin Fly aus «Schweinchen Babe» nach, die sie synchronisiert hat, oder redet in breitem Bünderdialekt – einem von mehreren Dialekten, die sie spricht.

An die eigene Stimme gewöhnt

Schon als Kind hat sie mit der Sprache experimentiert und nahm verschiedene Dialekte und Stimmen auf Tonband auf. Es war nie ihr Berufsziel gewesen, aber jetzt nennt sie es ihren Traumjob und sie findet überall im zivilen Leben ihre Stimme wieder. So kann es schon einmal vorkommen, dass sie bei einer Bank in der Telefon-Warteschlaufe landet und amüsiert feststellt, dass sie sich selbst von der anderen Seite des Drahtes um Geduld bittet.

Für die BVB spricht Prisca Hänggi seit rund sieben Jahren. Seit die BLT ihre Tangotrams in Betrieb hat, spricht sie auch in diesen. «Nein, es ist nicht komisch, die eigene Stimme überall zu hören. Im Tram beispielsweise bin ich oft in Gedanken oder in einer Lektüre vertieft, sodass ich meine Stimme gar nicht mehr wahrnehme», sagt Hänggi. Nur wenn sie in nicht vertrauten Tram- oder Buslinien sitzt, lausche sie manchmal und fälle ein Urteil darüber, wie das Gesagte wohl auf die anderen wirkt. Persönlich erhalte sie, ausser von Leuten die sie kennen, wenige Reaktionen, nur über die BVB erfahre sie gelegentlich, dass alles bestens sei und keine negativen Rückmeldungen von Passagieren kommen würden.

Versteckt hinter der Stimme

Es ist aber auch nicht so, dass fremde Leute sie an ihrer Stimme erkennen. Über das Mikrofon klinge dies oft ein wenig anders und auch weil die Aufnahmen auf Hochdeutsch sind, seien Rückschlüsse auf ihre Person nicht einfach. Obwohl sie eigentlich die Theaterbühne gewöhnt ist, mag sie die Anonymität hinter dem Mikrofon. «Es braucht nicht zu jeder Stimme ein Gesicht», erklärt sie. Jährlich geht Hänggi ein- bis zweimal ins Studio, um neue Durchsagen für die BVB aufzunehmen, andere Aufträge erledigt sie meist in ihrem Tonstudio, welches sie mit ihrem Partner zusammen an ihrem Wohnort betreibt.

Mit einem ISDN-Tonstudio sind ganze Aufnahme-Sessions in Echtzeit und bester Tonqualität möglich. So kennen oft nicht einmal ihre Auftraggeber ihr Gesicht, und auch einige Branchenkollegen kennen sich nur vom Hören. Das führt bei Treffen von Sprechern dann auch immer wieder zu Überraschungen, wenn man die Stimme von einer Aufnahme her wiedererkennt und erstmals die Person dahinter sieht, erzählt Hänggi.

In der Werbebranche verankert

Dass Hänggi schon während ihrer Schauspielerausbildung überhaupt in die Sprecher-Branche fand, hat sie einem Ausfall zu verdanken. Eine Werbesprecherin sollte damals Aufnahmen für ein Warenhaus in Bern aufnehmen, doch sie erschien nicht. So wurde die in der Szene vernetzte Jungschauspielerin von den Produzenten gebeten, einzuspringen. Ein bisschen Bammel hatte sie damals, zumal die Aufnahmen in Berndeutsch vorgesehen waren. Doch die Produzenten seien begeistert gewesen und eines kam zum andern, berichtet Prisca Hänggi. Schnell fanden auch andere Unternehmen Gefallen an der Stimme und buchten sie ebenfalls.

So kann Prisca Hänggi mittlerweile unzählige Unternehmen wie Banken, Nahrungsmittelhersteller oder auch Autohersteller zu ihren Auftraggebern zählen. Auch bei Filmproduktionen und Werbeagenturen dürfte der eine oder andere schon ihrer Stimme begegnet sein. Für Werbung in der Sexbranche ist sie allerdings nicht zu haben. Für die Zukunft wünscht sie sich, weiterhin ihren Traumjob als Sprecherin ausüben zu können und vielleicht eines Tages einmal wieder auf der Theaterbühne zu stehen.